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Unterstützung für psychisch kranke Kinder am Klinikum Nürnberg Nord

Unterstützung für psychisch kranke Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Nord, in Zusammenarbeit mit dem "Aktionskreis für psychisch kranke Kinder- und Jugendliche und ihre Familien e. V."

Theaterwokshop, September – Oktober 2008.

Kleine und große Mitspieler
Zwischen sieben und vierzehn Kinder und Jugendliche der Stationen A und B waren in der Verfassung, das Angebot wahrzunehmen. Ein "Kern" von sieben Kindern nahm an jedem Treffen teil. Jugendlichen Mitspieler blieben selten über die Dauer der drei Stunden, die ein Treffen dauerte.

Es gab eine – geringe – krankheitsbedingte Fluktuation und natürlich wurden einige in dem Zeitraum zwischen Ende August und Ende Oktober auch entlassen.


Die Mitarbeiter auf den Stationen sind ausgelastet, dennoch haben sie mit- gespielt, wann immer es Dienst- und Urlaubspläne zuließen.

Was einer noch nie gemacht hat, kann er auch nicht falsch machen.
Da ich die Kinder und Jugendlichen so wahrnehmen wollte, wie sie sich mir präsentierten, ob still oder motorisch, fragil oder robust, mit allen Kanten, Schwächen, Stärken, Phantasien und ihrer Intelligenz, habe ich mich nicht nach dem Grund ihres stationären Aufenthalts erkundigt.

Wenn sich Mitspieler zurückzogen, versuchte ich, ihnen mit Übungen und Ideen für kleine Improvisationen das Spielen schmackhaft zu machen. 
Ich hoffte, dass die Neugier auf das, was mit den anderen zusammen an Szenen entstehen konnte, ihre Gefühle von Furcht und Unsicherheit überwog. Sie konnten aber auch einfach als Zuschauer dabei bleiben.

Von Beginn an habe ich die Arbeit so aufgebaut, dass Angst vor Versagen nicht vorkam oder nur eine geringe Rolle spielen durfte. An vielen Übungen waren zunächst alle beteiligt, dann wurden winzige Szenen in kleineren Gruppen vorgeführt, so dass der Übergang zum "Vorspielen" fast unmerklich verlief.

Ich ermunterte zur Kritik nur als Beschreibung dessen, was die jeweiligen Zuschauer wahrnahmen und was ihnen ganz besonders gut gefiel, wie Idee, Umsetzung, Figuren, Situationen, Dialoge, Pointen.

Die Mitarbeiter der Stationen spielten vorbehaltlos mit - das trug wesentlich dazu bei, dass das Projekt so produktiv und erfolgreich verlief. Ihre unpädagogische Präsenz und eigene Spielfreude machten es den Kindern leicht, vorhandene Hemmungen zu überwinden.

Von Abenteuern und Clowns
Vom ersten Tag an war das Improvisieren ein großer Spaß und ließ die Quellen der Kreativität nur so sprudeln.

Die Spieler erfanden alle möglichen Figuren, die sie dann in absurde und waghalsige Abenteuer schickten: "Der abgebrannte Zirkus", "Die Klettertour", "Im Schwimmbad", "Auf der Eisbahn", "Die Blume", hießen einige der Themen, wobei die Kinder lieber in kleinen Gruppen arbeiteten, weil es dann mehr Theaterstücke zu sehen gab.

Mit Hilfe von Hüten verwandelten sie sich in Figuren, die sie bewundernswert ernsthaft durchhielten, mit einem großen Gespür für clowneske Komik und Pointen.

Der Ursprung von Clowns ist bauernschlaue, freche Umkehr von Abhängigkeitsverhältnissen, die des Schwachen vom Starken, die des Dieners vom Herrn, des Dummen August vom Weißen Clown oder Zirkusdirektor. Clowns haben nichts zu verlieren, deshalb können sie auch grenzenlos frech und gnadenlos rabiat sein – außerdem sind sie wütend. Jemandem den Hut vom Kopf zu schlagen und in den Allerwertesten zu treten, den Reichen auszutricksen, sich durchsetzen, das haben die Kinder innerhalb der Szenen ausprobieren können – das Prinzip begriffen sie sehr schnell.

Die Clownsszenen von F. K. Waechter, die ich ausgesucht hatte, spiegeln diese Verhältnisse wieder – sie sind übrigens, wie alle anderen Texte auch, ursprünglich nicht für Kinder geschrieben.

Begeistert hat mich der gesammelte Ernst der Kinder, ihre Bereitschaft sich einzulassen – drei Stunden zu proben, zu erfinden, zu spielen, ohne Pause. Es schwang immer viel Trauriges mit. Besonders in den Geschichten "Aus dem Leben von..." die sie sich zu Früchten ausdachten, die ich vom Markt mitgebracht hatte, wurden ihre Ängste und ihre Einsamkeit deutlich.

Die "Miteinander – Stiftung Nürnberg" als primärer finanzieller Träger.
Ein solches Projekt zu denken und durchzuführen erfordert Mut und einen Partner, der dieses Wagnis mit trägt und finanziert. Oft fehlt der Mut, wenn der Alltag alle Ideen frisst - oder das Geld. Hier kam beides zueinander: ohne die Förderung durch die "Miteinander-Stiftung Nürnberg", sowie ergänzende Unterstützung durch die PSD – Bank, wäre die Idee von Herrn Hannweber, eine Realisierung dieser Arbeit über den "Aktionskreis Hilfe für psychisch kranke Kinder- und Jugendliche und ihre Familien e. V." zu ermöglichen, nicht umsetzbar gewesen.

Den Horizont und die Persönlichkeiten dieser Kinder zu erweitern, von denen einige sich eher "verdünnisieren" wollten, sie zu ermutigen sich zu entwickeln, wurde durch das Zusammenspiel von Idee – Finanzierung – Umsetzung Realität.

Wie geht’s weiter?
Jede Gruppe hat ihre eigene Dynamik. Was dieses Mal so produktiv war, kann nächsten Mal ganz anders sein.

Ich würde gerne versuchen, eine wenn auch noch so kleine Präsentation vor der Kliniköffentlichkeit hinzubekommen.

Vielleicht sollte ich das erst nach dem 5. oder 6. Treffen in Erwägung ziehen und mit den Spielern abstimmen. Dafür würde ich mich um (kostenfreie) Unterstützung durch Nürnberger Theater bemühen, damit wir mit Licht, Dekoration und Kostümen die Spieler unterstützen und "Theaterzauber" herstellen können.

Jedes Treffen war für mich ein eigenes Abenteuer voller Vorfreude, von Mal zu Mal wuchs die Bewunderung vor dem Mut der Kinder. Vor der Leistung der Teams habe ich großen Respekt, vor dem Spagat, den sie täglich leisten müssen zwischen der Nähe zu ihren Patienten und der Kraft für die Distanz, die für die Heilung der Kinder nötig ist.

Spielräume – Krafträume – Lebensräume
Die Theaterarbeit mit Laiendarstellern bietet große Freiräume für Gestaltung in jeder Hinsicht: Texte, Figuren, Räume, theatralische Umsetzungen. Sie findet eigene Zugänge zum künstlerischen Prozess mit einer eigenen Ästhetik.

Das Ziel meiner Workshops/Projekte ist es, den Teilnehmern diese Freiräume als Potential erlebbar und damit für ihr Leben nutzbar zu machen. Dabei geht es vor allem um das Zutrauen in die eigene schöpferische Kraft jenseits aller vordergründigen Benachteiligungen und die Fähigkeit, sie in der Lebenspraxis weiterzuentwickeln.

Übungen werden eingebunden in Szenen, die aus Improvisationen entstehen und/oder aus der Beschäftigung mit Texten. Am Ende des Workshops wird es eine kleine Präsentation der Arbeitsergebnisse geben.

Die Kinder der Stationen A und B. Aufgeregt und fast schlaflos erwartete ich die Kinder zur ersten Probe. Was bringen sie mit, wie lassen sie sich ein, gelingt es mir, sie fürs Theaterspielen zu begeistern, was kann für sie in ihrer Lebenssituationen davon hilfreich sein? Aus meiner Arbeit als Theaterregisseurin in sozialen Zusammenhängen weiß ich um die Sprengkraft, um die Auswirkungen, die das Theaterspiel für die Darsteller hat – egal, ob sie jung oder alt sind, an Projekten teilnehmen, ihnen das Thema gefällt oder sie etwas zur Situation ihrer Lebensumwelt, der geographischen wie historischen mitteilen möchten.

Sylvia Hathazy Berlin, November 2008

Abschlussbericht "Theaterspiele", 2008 (pdf)